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......Die Reporter der Bildzeitung
untersuchen Familientragödien und sind
nicht dabei; die Meinungsinstitute wurden
nicht beauftragt und gutachten nicht; die
Pfarrer tippen ihre Sonntagspredigt und
bleiben im Büro; die Gewerkschaften
kündigen Tarife und fühlen sich nicht
zuständig; die Richter verurteilen
Ladendiebe und verstecken sich im
Gerichtssaal; die Politiker sind auf
Wahlreisen und entschuldigen sich; die
Unteroffiziere üben für den Ernstfall und
haben keine Ordre; die Polizei jagt

Verkehrssünder und stellt keine
Sicherheitsposten; die Flüchtlinge
kommen und keiner weiß warum; doch
die örtlichen Behörden streiten sich
wegen des Bau einer Tiefgarage und
wissen nicht wohin:
Darum steigen sie ungewarnt in die
Katakombe und entledigen sich ihrer
Kleider. Die Visitenkarten werfen sie in
den Müllschlucker, und sie formieren sich
unterschiedslos hintereinander: Eine
Kette Menschen ohne Kennzeichen.
Und so entsteht die Menschenherde mit
statistischer Normalgröße und
durchschnittlichem Körpergewicht. Keiner
überragt den anderen, keiner braucht
mehr Platz als der Nächste.
Auf ihre Köpfe passt der gleiche Hut.
Die Lauscher, ängstlich zur vollen Größe
entfaltet, saugen jedes Wort der
geheimen Stimmen ein, die unaufhörlich
mit Versprechungen und Drohungen; mit
hübschen Schmeicheleien und
Lippenbekenntnissen die einheitliche
Reihe vorwärts treiben. Dazwischen
tröpfelt Musik aus dem Gewölbe, die von
der Zukunft singt, dem Erlöser am
Brennpunkt der Katakombenellipse, der
sie gnädig von ihrem starren aufrechten
Ich erlöse.
So glotzen ihre Augen - vom langen
Hoffen aus den Höhlen getreten und zu
Milchglaskugeln geronnen - nach vorn,
und ihre Münder schmatzen voll gieriger
Vorfreude, während sie geduldig
hintereinander auf die Erlösung warten,
gehorsam über den Wartegang rücken,
untertänig die Hände an die Stelle gelegt,
wo einstens die Hosennähte saßen.
Und es erreicht jeder den O.P. und blickt
verzückt auf den großen Metzger, der sie
vom Leid ihrer Individualität befreit.
Es assistiert keine Operations - Schwester,
und der Fleischerchirurg braucht keinen
Narkotiseur: in wollüstiger Euphorie legen
sich die Patienten auf die Pritsche und
vertrauen ihren Leib dem geübten
Skalpell des Operateurs an.
Er entkernt sie wie Pflaumen, weidet mit
flinken Finger ihr Rückgrat aus, befreit sie
von ihrem Knochenkorsett. Zufrieden
erleiden sie den Entzug ihrer Körpersäule.
Nach der Prozedur hüpfen sie leicht wie
Tiere von der Bahre. Die Rückenwunde
ist blutleer, Antibiotika und Sulfonamide
wären Vergeudung.
Tief bückt sich der
Mensch ohne Rückgrat zu Boden, und
seine Dankbarkeit ist das Honorar für den
Chirurgen. Rasch und geschmeidig wie
ein Affe reiht er sich ein in die Herde, die
zum Ausgang hastet. Auf dem haltlosen
Leib mag Platz nehmen, wer will. Der
Senkrücken ist ein idealer Sitz. - Und der
neue Vierfüßler, der eigenen Sicht
beraubt, braucht einen Reiter! - Das
haltlose Haupt muss einer beim Halfter
nehmen. Das Reittier wird auf die Sporen
reagieren und auf das Hüh und Hott
parieren. Der Reiter kann beruhigt sein:
zum Aufbegehren braucht es ein
Rückgrat. - Es ist also keine
Überraschung zu erwarten!
Wer das Gesicht am Boden hat, hört nur
die Stimme der Autorität. Heuchelei und
Anmaßung auf ihrem Gesicht sind für ihn
nicht überschaubar. Er wird glauben, was
man ihm sagt, denn die Stimmen sind auf
Glaubhaftigkeit trainiert. Allen
Rattenfängerflöten wird erfolgen. Und
schließlich kommt einer und schiebt ihm
als Prothese eine Ideologie zwischen
Arme und Beine. Da glaubt der
Emporgerichtete zuletzt an die
Regeneration seiner Wirbelsäule im holen
Rücken und vergisst. dass er seine
Haltung geliehen hat. Ist er erneut seines
Rückgrats überdrüssig - denn es
schmerzt ihn der Rücken vom
unentwegten Aufrechtgehen -, mag er
sich getrost wieder an die lange Reihe
anschließen. Der Metzgerchirurg arbeitet
unermüdlich und kostenlos, und man
kommt nie vor geschlossene Türen.
...... Und die Bildzeitung berichte nicht
darüber, die Meinungsinstitute gutachten
nicht; die Pfarrer müssen ihre
Sonntagspredigt schreiben, und die
Gewerkschaften verhandeln gemeinsam
Tarifverträge; die Richter haben keine
entsprechenden Paragraphen; die
Politiker sind unabkömmlich und die
Unteroffiziere drillen Rechtsum und
Linksum; die Polizisten schreiben
Strafzettel; die Flüchtlinge finden kein
Asyl; die örtlichen Behörden tagen und
feiern im Rathaus!
Keiner will Kassandra spielen! - Oder!?, -
schweigen sie vorsätzlich? Ob vielleicht
der Chirurg in ihrem Sold steht? - Denn
Menschen mit Rückgrat sind schwierige
Leute!
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