WIE ICH EIN SYMPATHISCHRE MENSCH WERDE
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Verein zur Förderung deutscher und internationaler Jugend -arbeit, -begegnungen und -projekte
Freier, gemeinnütziger Träger der Jugendhilfe nach § 75 KJHG
A Paul Weber,

einer der schonungslosesten, mutigsten und
weitsichtigsten unter den deutschen Grafikern,
die sich mit der politischen Karikatur befassten und befassen, hat sich zur Nazizeit und zur
Nachnazizeit mit seinen zeitkritischen Zeichnungen und Lithos unbeliebt gemacht.
Er war immer unbequem!
Damit sein Werk nicht langsam aber sicher in Vergessenheit gerät, haben wir es als Aktions-
Beitrag "Prosa gegen Rechts" in unsere Webseite gestellt, zur Erinnerung und Mahnung an uns alle, ist es doch immer noch
zeitlos und hochaktuell!
"Rückgrat raus!" heißt diese Lithografie, die 1951 entstand.Johannes Mitterle schrieb den Text dazu.
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Die Reporter der Bildzeitung unter- suchen Familientragödien und sind nicht dabei; die Meinungsforscher wurden nicht beauftragt und gutachten nicht; die Pfarrer tippen ihre Sonntagspredigt und bleiben im Büro; Die Gewerkschaften kündigen Tarife und fühlen sich nicht zuständig; die Richter verurteilen und verstecken sich in ihrer Kammer; die Politiker sind auf Wahlreisen und entschuldigen sich;
die Unteroffiziere üben für den Ernstfall und habe keine Ordre; die Polizei jagt Verkehrssünder auf dem Fahrrad und stellt keine Sicherheitsposten; die örtlichen Behörden streiten sich wegen des Bau einer Turnhalle und vergessen Warntafeln aufzustellen; Darum steigen sie ungewarnt in die Katakombe und entledigen sich ihrer Kleider. Die Visitenkarten werfen sie in den Müllschlucker, und sie formieren sich unterschiedslos hintereinander: eine Kette Menschen ohne Kennzeichen. Und so entsteht die Menschenherde mit statistischer Normalgröße und durchschnittlichem Körpergewicht. Keiner überragt den andern, keiner braucht mehr Platz als der Nächste. Auf ihre Köpfe paßt der gleiche Hut. Die Lauscher ängstlich zur vollenröße entfaltet, saugen jedes Wort der geheimen Stimmen ein, die unaufhörlich mit Versprechungen und Drohungen und hübschen Schmeicheleien die Reihe vorwärts treiben. Dazwischen tröpfelt Musik aus dem Gewölbe, die von der Zukunft singt, dem Erlöser am Brennpunkt der
Katakombenellipse, der sie gnädig von
ihrem starren aufrechten Ich erlöse.
So glotzen ihre Augen - vom langen
Hoffen aus den Höhlen getreten und zu
Milchglaskugeln geronnen - nach vorn,
und ihre Münder schmatzen voll gieriger Vorfreude, während sie geduldig hintereinander auf die Erlösung warten, gehorsam über den Wartegang rücken, untertänig die Hände an die Stelle gelegt, wo einstens die Hosennähte saßen.
Und es erreicht jeder den O. P. und
blickt verzückt auf den großen Metzger, der sie vom Leid ihrer Individualität befreit. Es es assistiert keine Operationsschwester, und der Fleischerchirurg braucht keinen Narkotiseur: in wollüstiger Euphorie legen sich die Patienten auf die Pritsche und vertrauen ihren Leib dem
geübten Skalpell des Operateurs an.

Er entkernt sie wie Pflaumen, weidet
mit flinken Fingern ihr Rückgrat aus, er befeit sie von ihrem Knochkorset. Zufrieden erleiden sie den Entzug ihrer Körpersäule. Nach der Prozedur hüpfen sie leicht wie Tiere von der Bahre. Die Rückenwunde ist blutleer, Antbiotika und Sulfonamide wärend Vergeudung. Tief bückt sich der Mensch ohne Rückgrat zu boden, und seine Dankbarkeit ist das Honorar für den Chirurgen.

Rasch und geschmeidig wie ein Affe reiht er sich ein in die Herde, die zum Ausgang hastet. Auf dem haltlosen Leib mag Platz nehmen, wer will.
Der Senkrücken ist ein idealer Sitz. Und der neue Vierfüßler, der eigenen Sicht beraubt, braucht einen Reiter!
Das haltlose Haupt muß einer beim Halfter nehmen. Das Reittier wird auf die Sporen reagieren und auf das Hüh und Hott parieren. Der Reiter kann beruhigt sein: zum Aufbegehren braucht es ein Rückgrat. Es ist also keine Überraschung zu erwarten. Wer das Gesicht am Boden hat, hört nur die Stimme der Autorität: Heuchelei und Anmaßung auf ihrem Gesicht sind für ihn nicht überschaubar.
 
              
Er wird glauben, was man ihm sagt.
Die Stimmen sind auf Glubwürdigkeit trainiert. Allen Rattenfängerflöten wird er folgen.
Und schließlich kommt einer und schiebt ihm als Prothese eine Ideologie zwischen Arme und Beine.
Da glaubt der Emporgerichtete zuletzt
an die Regeneration seiner Wirbelsäule im hohlen Rücken und vergißt, daß er seine Haltung geliehen hat.

Ist er erneut seines Rückgrats überdrüssig - denn es schmerzt ihn der Rücken vom unentwegtem Aufrechtgehen -, mag er sich getrost an die lange Reihe wieder anschließen. Der Metzgerchirurg arbeit unermütlich und kostenlos und man kommt nie vor geschlossenen Türen.
Und die Bildzeitung berichtet nicht darüber; die Pfarrer müssen ihre Sonntagspredigt schreiben, und die Gewerkschaften verhandeln Tarifverträge; die Richter haben keine entsprechenden Paragraphen;die Politiker sind unabkömmlich, und die Unteroffiziere drillen Rechtsum und Linksum; die Polizisten schreiben Strafzettel für Radfahrer, die örtlichen Behörden aber tagen jeden Tag im Stadthaus.

Keiner will Kassandra spielen. Oder schweigen sie vorsätzlich? Ob viel- leicht der Chirurg in ihrem Sold steht?

Denn Menschen mit Rückgrat sind schwierige Leute!