WIE WERDE ICH EIN SYMPATHISCHER MENSCH!
A . Paul Weber,

einer der schonungslosesten,
mutigsten und weitsichtigsten
unter den deutschen Grafikern,
die sich mit der politischen
Karikatur befasste und
befasst, hat sich zur Nazizeit
und zur Nachnazizeit mit seinen
zeitkritischen Zeichnungen und
Lithos unbeliebt gemacht.

Er war immer unbequem!

Damit sein Werk nicht langsam
aber sicher in Vergessenheit
gerät, haben wir es als Aktionsbeitrag

"Prosa gegen Rechts"
 
in unsere Webseite gestellt,
zur Erinnerung und Mahnung
an uns alle - ist es doch immer
noch zeitlos und hochaktuell!

. . . Die Reporter der Bildzeitung
untersuchen Familientragödien und sind
nicht dabei; die Meinungsinstitute
wurden nicht beauftragt und gutachten
nicht; die Pfarrer tippen ihre
Sonntagspredigt und bleiben im Büro;
die Gewerkschaften kündigen Tarife und
fühlen sich nicht zuständig; die Richter
verurteilen Ladendiebe und verstecken
sich im Gerichtssaal; die Politiker sind
auf Wahlreisen und entschuldigen sich;
die Unteroffiziere üben für den Ernstfall
und haben keine Ordre; die Polizei jagt
Verkehrssünder und stellt keine
Sicherheitsposten; die Flüchtlinge
kommen und keiner weiß warum; doch
die örtlichen Behörden streiten sich
wegen des Bau einer Tiefgarage und
wissen nicht wohin:

Darum steigen sie ungewarnt in die
Katakombe und entledigen sich ihrer
Kleider. Die Visitenkarten werfen sie in
den Müllschlucker, und sie formieren
sich unterschiedslos hintereinander:
Eine Kette Menschen ohne
Kennzeichen.

Und so entsteht die Menschenherde mit
statistischer Normalgröße und
durchschnittlichem Körpergewicht.
Keiner überragt den anderen, keiner
braucht mehr Platz als der Nächste.

Auf ihre Köpfe passt der gleiche Hut.
Die Lauscher, ängstlich zur vollen Größe
entfaltet, saugen jedes Wort der
geheimen Stimmen ein, die unaufhörlich
mit Versprechungen und Drohungen; mit
hübschen Schmeicheleien und
Lippenbekenntnissen die einheitliche
Reihe vorwärts treiben. Dazwischen
tröpfelt Musik aus dem Gewölbe,
die von der Zukunft singt, dem Erlöser
am Brennpunkt der Katakombenellipse,
der sie gnädig von ihrem starren
aufrechten Ich erlöse.

So glotzen ihre Augen - vom langen
Hoffen aus den Höhlen getreten und zu Milchglaskugeln geronnen - nach
vorn und ihre Münder schmatzen voll
gieriger Vorfreude, während sie
geduldig hintereinander auf die
Erlösung warten, gehorsam über den Wartegang rücken, untertänig die
Hände an die Stelle gelegt, wo einstens die Hosennähte saßen.

Und es erreicht jeder den O.P. und blickt
verzückt auf den großen Metzger, der sie vom Leid ihrer Individualität befreit.
Es assistiert keine Operations-Schwester, und der Fleischerchirurg braucht keinen Narkotiseur:

in wollüstiger Euphorie legen sich die Patienten auf die Pritsche und vertrauen ihren Leib dem geübten Skalpell des
Operateurs an. Er entkernt sie wie
Pflaumen, weidet mit flinken Finger ihr Rückgrat aus, befreit sie von ihrem Knochenkorsett.

Zufrieden erleiden sie den Entzug ihrer Körpersäule.

Nach der Prozedur hüpfen sie leicht wie
Tiere von der Bahre. Die Rückenwunde
ist blutleer, Antibiotika und Sulfonamide
wären Vergeudung. Tief bückt sich der
Mensch ohne Rückgrat zu Boden, und
seine Dankbarkeit ist das Honorar für den Chirurgen.
Rasch und geschmeidig wie ein Affe reiht er sich ein in die Herded, die
zum Ausgang hastet. Auf dem haltlosen
Leib mag Platz nehmen, wer will. Der
Senkrücken ist ein idealer Sitz. - Und der neue Vierfüßler, der eigenen Sicht beraubt, braucht einen Reiter! -

Das haltlose Haupt muss einer beim Halfter nehmen. Das Reittier wird auf die Sporen reagieren und auf das Hüh und Hott parieren. Der Reiter kann beruhigt sein: zum Aufbegehren braucht es ein Rückgrat.

Es ist also keine Überraschung zu erwarten!
Wer das Gesicht am Boden hat, hört nur
die Stimme der Autorität. Heuchelei und
Anmaßung auf ihrem Gesicht sind für ihn
nicht überschaubar. Er wird glauben, was man ihm sagt, denn die Stimmen sind auf Glaubhaftigkeit trainiert.
Allen Rattenfängerflöten wird erfolgen.

Und schließlich kommt einer und schiebt ihm als Prothese eine Ideologie zwischen Arme und Beine. Da glaubt der Emporgerichtete zuletzt an die Regeneration seiner Wirbelsäule im hohlen Rücken und vergisst. dass er seine Haltung geliehen hat.

Ist er erneut seines Rückgrats überdrüssig - denn es schmerzt ihn der Rücken vom unentwegten Aufrechtgehen -, mag er sich getrost wieder an die lange Reihe anschließen.
Der Metzgerchirurg arbeitet
unermüdlich und kostenlos, und man
kommt nie vor geschlossene Türen.

. . . Und die Bildzeitung berichte nicht
darüber, die Meinungsinstitute gutachten
nicht; die Pfarrer müssen ihre
Sonntagspredigt schreiben, und die
Gewerkschaften verhandeln gemeinsam
Tarifverträge; die Richter haben keine
entsprechenden Paragraphen; die
Politiker sind unabkömmlich und die
Unteroffiziere drillen Rechtsum und
Linksum; die Polizisten schreiben
Strafzettel; die Flüchtlinge finden kein
Asyl; die örtlichen Behörden tagen und
feiern im Rathaus!

Keiner will Kassandra spielen! - Oder!?,
schweigen sie vorsätzlich?
Ob vielleicht der Chirurg in ihrem Sold steht?

Denn Menschen mit Rückgrat sind sehr schwierige Leute!

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