KNA:Herr Khorchide, aus Ihrer Sicht hat sich der Islam jahrhundertelang in die falsche Richtung entwickelt. Sie sprechen von einer "manipulierten Religion". Wie meinen Sie das?

Khorchide: Die islamische Theologie ist ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse ihrer Zeit. Schon 30 Jahre nach Mohammeds Tod begann unter den Omayyaden die lange Epoche der Kalifendynastien. Die Kalifen verstanden sich als Stellvertreter Gottes auf Erden, Staat und Religion wurden eine Einheit. Um ihren politischen Machtanspruch zu legitimieren, förderten sie eine Theologie, die ein streng autoritäres Gottesbild erschuf. Allah wurde zu einem strafenden Wesen, das totalen Gehorsam und Unterwerfung fordert - genau wie die politischen Machthaber. Von Gottes Liebe und Barmherzigkeit blieb nicht mehr viel übrig.

KNA: Aber entspricht dieses Gottesbild nicht dem Koran? Die Beschreibung der Höllenqualen für Frevler und Ungläubige füllen dort ganze Seiten.

Khorchide: Viel zahlreicher sind doch die Koranstellen, die Allahs Liebe, seine Bereitschaft zur Vergebung und den Wunsch nach Frieden unter den Menschen bezeugen. Die wurden aber von den Theologen nicht in den Mittelpunkt gestellt. Stattdessen konzentrierten sie sich auf Aussagen, aus denen sich hierarchische Unterwerfungsstrukturen ableiten ließen: die Unterwerfung der Untertanen unter den Herrscher, der Frau unter den Mann, der Kinder unter den Vater, der Nichtmuslime unter die Muslim. Das Patriarchat wurde sozusagen von oben nach unten durchgereicht. Diese Strukturen ziehen sich bis heute durch die meisten islamischen Gesellschaften und verhindern Demokratie und individuelle Freiheit. "Islam" wird zwar oft mit "Unterwerfung" übersetzt, doch eigentlich meint der Begriff "Hingabe", nämlich an Gott.

KNA:Mohammed selbst gilt allerdings auch als politischer Herrscher, der Kriege führte und Gehorsam einforderte.

Khorchide: Das war aber nicht sein Kernanliegen, sondern ergab sich aus den historischen Zwängen seiner Zeit in Medina. Mohammeds eigentliche Botschaft zielte auf die Spiritualität des Individuums, auf dessen persönliche Beziehung zu dem einen Gott, auf ethische Prinzipien und eine gerechte Gesellschaft. Das müsste eine Reform des Islam wieder folgen.Die Prophetengeschichten entstanden erst über 200 Jahre nach seinem Tod und wurden politisch überfrachtet. Das gilt erst recht für die Hadithe, die Überlieferungen von Taten und Aussagen Mohammeds. Viele davon wurden in den ersten islamischen Jahrhunderten schlicht erfunden oder verfälscht. Neben dem Koran bilden sie aber die wichtigste Quelle der Scharia, die von den theologischen Schulen bis ins neunte Jahrhundert christlicher Zeitrechnung entwickelt wurde.

KNA: Und deren intolerante und diskriminierende Bestandteile wohl das Kernproblem für einen zeitgemäßen Islam bilden, wie Sie ihn fordern.

Khorchide: Das Problem liegt generell darin, dass Glaube und Frömmigkeit im Mehrheitsislam an der Befolgung von Regeln festgemacht werden. Wenn ein Muslim heute sagt, ich möchte religiöser werden, meint er vor allem: Ich werde die Gesetze der Scharia strenger befolgen. In den meisten Koranschulen und Freitagspredigten geht es nach meiner Wahrnehmung viel zu oft um diese Regeln und Gesetze und zu wenig um die Ethik von Liebe und Barmherzigkeit. Die Scharia gilt als Inbegriff des wahren Islam und wird von "rechtgläubigen" Muslimen verteidigt, selbst wenn sie dadurch benachteiligt werden.

KNA:Haben Sie ein Beispiel?

Khorchide: Nehmen Sie die Ansicht vieler muslimischer Frauen, dass es keine weiblichen Imame geben darf, weil es gegen die Religion wäre. Im Koran steht davon aber nichts. Auch den Zwang zum Kopftuch oder eine Rechtfertigung für die allgemeine Diskriminierung von Frauen in der islamischen Welt finden Sie dort nicht. Sie werden aber von vielen akzeptiert und religiös begründet.
GOTTES FALSCHE ANWÄLTE: "DER VERRAT AM ISLAM"
In seinem neuen Buch "Gottes falsche Anwälte" geht der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide
hart mit den islamischen Gelehrten ins Gericht.

IM INTERVIEW FORDERT ER GRUNDLEGENDE REFORMEN.
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Prof. Mouhanad Korchide, Zentrum Islamische Theologie - Westf. Wilhelms Universität Münster WWU

"WIR BRAUCHEN DAS RECHT AUF INDIVIDUELLE SELBSTBESTIMMUG"
Freier, Gemeinnütziger Träger der Jugend -Arbeit, -Begegnungen und -Projekte
nach § KJHG 75 - SGB VIII
INTERNATIONALER OFFENER JUGENDTREFF
PROJEKTE: BERATUNG UND BETREUUNG VON JUNGEN MENSCHEN MIT UND
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